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Gegenrede zur Kreuzpflicht

Zuletzt aktualisiert von Poldi am 3. Juli 2018 - 22:18

Kommentar vom Bund für Geistesfreiheit Fürth K.d.ö.R. zum Blogeintrag

„Spaltet das Kreuz?“ 
von Prof. Dr. Dr. Elmar Nass, Leiter des WLE

ohne Datumsangabe im April 2018 veröffentlicht, am 24.6.2018 eingesehen
unter https://blog.wlh-fuerth.de/spaltet-das-kreuz/ 
im Ethikblog des Wilhelm Löhe Ethikinstituts – das Forum für Positionen

Sehr geehrter Herr Nass,
Sie stellen Fragen, die wir zuerst beantworten möchte:

Bleibt diese Pflicht (Kreuze in öffentlichen Gebäuden aufzuhängen) lange rechtswirksam?
Wir hoffen das nicht, sind aber aus Erfahrung skeptisch. Der kirchliche Lobbyismus hat schon
etliche rechtsgültige Regelungen geschaffen, die undemokratisch, für Nichtchristen diskriminierend
und mit EU-Recht oder den Allgemeinen Menschenrechten unvereinbar sind. Darum wäre ein
rechtlich „abgesegnetes“ Kreuz in Amtsstuben kein Novum, sondern die konsequente
Weiterführung einer Politik, die unseren Staat immer mehr zu einer verfilzten Kirchenrepublik macht.

Wie sollen sich Christen dazu stellen?
Wir denken, hier wird sich jeder entscheiden müssen: Will ich einen Gottesstaat fördern, oder eine
offene Gesellschaft, in der alle Menschen, ob religiös oder nicht, in gleicher Distanz zur staatlichen Macht stehen?
In der Gesellschaft für die wir einstehen, muss das persönliche Recht geschützt werden, dass sich Christen mit
Kreuzen, Muslime mit Halbmonden, Homosexuelle mit Regenbogenfahnen, GreutherFürth-Fans mit Kleeblättern, ….
schmücken und ausdrücken können. Auch sich zu keiner Religion oder Weltanschauung zu bekennen, muss
problemlos möglich sein. In privaten Räumen, als Tattoo oder Halskettchen, als Autoaufkleber und als Gebäudeschmuck
in und auf Vereinsheimen oder Sakralbauten sind diese Symbole ein zu tolerierender Ausdruck der (Gruppen-)Identität.
Das schafft keine Spaltwirkung, so lange gesichert ist, dass gleiche Rechte für alle gelten und keine Gruppierung es schafft,
machtvolle Ansprüche und Privilegien daraus abzuleiten.
Warum das Kreuz nichts in öffentlichen Gebäuden zu suchen hat, liegt auf der Hand: Aus den gleichen Gründen, wegen
denen Richterinnen kein Kopftuch tragen, Standesbeamte nicht unter der Regenbogenfahne Paare verheiraten und
Polizisten keine Fan-Tattoos im Stadion-Einsatz zeigen sollen. Der Staat muß Äquidistanz zu allen Gruppen halten
und darf keine bevorzugen.

Sollen die Kreuze hin oder weg?
Sie orientieren sich an Heinrich Bedford-Strohm als Autorität, der sich als Landesbischof über jedes
Kreuz in der Öffentlichkeit freut. Reicht für Christen Autorität als Argument aus? Für uns nicht.
Sie vermitteln, pointiert formuliert: Ja, „hin“ mit den Kreuzen, freut euch ihr Christen! Lasst uns
weiter den öffentlichen Raum dominieren und dem Christentum staatliche Legitimation und damit
handfeste Vorteile verschaffen! Die Kirche eng mit dem Staat zu verbandeln ist schließlich schon
immer eine super Idee! Das rechnet sich wegen der Staatsdotationen, der Kirchensteuer, den vom
Staat finanzierten kirchlichen Hochschulen und erhöht unseren politischen Einfluss… .
Als Bund für Geistesfreiheit stehen wir seit 150 Jahren für eine Trennung von Staat und Religion.
Im Wissen um viele weiteren gesellschaftlichen Themen die mit Ihrer Frage zusammen hängen,
sagen wir ganz klar: Die Kreuze sollen aus der Öffentlichkeit weg. 

Unsere Fragen sind:
Wie meinen Sie das, Herr Nass: Das Judentum, Christentum und der Islam hätten das Wertedenken
Europas positiv geprägt? Ist Ihnen nicht bekannt, dass die Werte der Aufklärung gegen vehementen
religiösen Widerstand erkämpft werden mussten? Wollen Sie uns tatsächlich die monotheistischen
Religionen als Garanten der unantastbaren Menschenwürde verkaufen?
Die historische Forschung spricht eine andere Sprache, denken Sie nur an „Die Kriminalgeschichte
des Christentums“. Ihr Versuch, lediglich die humanen, aufgeklärten und verbindenden Elemente
der Religionen heraus zu stellen, unterschlägt das konkrete, religiös motivierte und aus den
Schriften ebenso gut begründbare Handeln von Fundamentalisten aller Art.

Sie behaupten: Militante, gottlose Humanisten entfernen sich vom Geist des Grundgesetzes,
weil „dessen Idee von Mensch und Gesellschaft ist eben auch begründet in der Botschaft von Jesus Christus“.
Sind wir also doch eine Art Gottesstaat? Mag ja sein, dass die meisten Religionen eine „Öffnung
über rein Irdisches hinaus teilen“ wie Sie an anderer Stelle schreiben. Aber was hat das mit dem
Grundgesetz unseres Staates zu tun? Verstehen Ihrer Meinung nach religionsfreie Menschen,
wie Freidenker und säkulare Humanisten, das Grundgesetz falsch?
Nehmen Sie Menschen, die nach Belegen für Behauptungen fragen anstatt an Überirdisches zu glauben,
überhaupt als Bürger wahr und ernst? Oder ist Ihre Version des Grundgesetzes nur für Menschen gemacht,
die sich mit Geist, Transzendenz, Bekenntnissen und Botschaften von Jesus beschäftigen?
Wenn ja, dann spaltet Ihre politische Haltung, ob mit Kreuz im Rathaus oder ohne, die Gesellschaft
in Gläubige und Ungläubige.

Sie wollen uns Bürger, die in einer Behörde zwangsweise auf Kreuze schauen, mit einer missionarischen
Botschaft konfrontieren? Und zwar mit einem „wesentlichen Werteanker unserer humanistischen
Toleranzkultur wie mit Jesus Christus als dem Sohn Gottes“? Selbst unterstützt durch diese diffuse
Auslegung wirkt das Kreuz auf uns weder einladend, noch stößt diese Konfrontation neue Gedanken an.
Damit gewinnen Sie höchstens Zustimmung bei ohnehin gläubigen Zuhörern. Um mit gleichberechtigten
Menschen, auf Basis guter Argumente einen vernünftigen Dialog zu führen, ist das konfrontierende Kreuz
ungeeignet. Als Kampfsymbol, zur Markierung des Territoriums, als Machtdemonstration und als Zeichen
des inneren Zusammenhaltes für Christen funktioniert es dagegen gut. Das haben, vor der CSU,
bereits die Kreuzritter erfolgreich getestet.

Wenn Sie nun vorgeschlagen hätten, in die Amtsstuben das Symbol der Allgemeinen Erklärung der
Menschenrechte (die Flügelhand) zu hängen – dafür hätten wir Sympathie. Das ist ein Symbol,
dem (nicht fundamentale) Gläubige und religionsfreie Menschen zustimmen können. Ein Symbol
das die Orientierung des Staates an Gleichberechtigung, Gesetzlichkeit, Freiheit und Aufklärung unterstreicht.
Es repräsentiert nicht dominant eine einzelne der tausenden widersprüchlichen Religionen,
sondern ist ein verbindender Meilenstein in der menschlichen Zivilisation, auf dem steht:
Menschen haben Rechte, Ideen nicht.

Gerne laden wir Sie zu einem öffentlichen Dialog ein, in dem wir persönlich respektvoll und den Ideen gegenüber respektlos, die unterschiedlichen Sichtweisen diskutieren können.

Mit freundlichen Grüßen

Bund für Geistesfreiheit Fürth K.d.ö.R. 24.6.2018